Jahrestag eines Narren

Heute vor 100 Jahren wurde Michel Foucault geboren. Von Vielen wird er als wichtigster französischer Philosoph aller Zeiten angesehen. Nutzen wir die Gelegenheit für eine Gegendarstellung.

Am 15. Oktober 1926 erblickte Michel Foucault das Licht der Welt. Heute würde er seinen 100. Geburtstag feiern, wenn er nicht bereits im Jahr 1984 mit 57 Jahren in Paris verstorben wäre. Seine Philosophie lebt weiter – und ist möglicherweise so «in» wie noch nie. Doch von vorne.

Vor dem Ersten Weltkrieg, sprich um die Jahrhundertwende, war Frankreich intellektuell zwischen zwei Fronten eingeteilt: Auf der einen Seite war da die «renouveau catholique», eine patriotische Bewegung welche Jeanne d’Arc als Heldin und Mutter der «Grand Nation» verehrte, das ländliche und bäuerliche Frankreich hervorhob und tief geprägt war vom französischen Katholizismus. Ihr gegenüber stand die «Action Francaise», eine im Jahr 1898 entstandene Strömung unter der Führung des Schriftstellers Charles Maurras. Maurras war Atheist, Antisemit und Monarchist. Und genau so war auch die Action Francaise eingestellt.

Dann kam der 2. Weltkrieg, und mit ihm auch die Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht und das Vichy-Regime, welches mit den Nazis kollaborierte. Diese Unterwerfung gegenüber der Fremdbesatzung war ein Schlag ins Gesicht für den zuvor aufblühenden französischen Nationalismus. Die Nachkriegszeit war eine Zeit der Lügen und Beschuldigungen. Die Lüge, das war die eigene Unschuld. Schnell wurden Biografien reingewaschen und nie existierende Widerstandsbestrebungen offenbart. Diejenigen, welche nicht allzu offensichtlich kollaborierten, wuschen sich rein. Die Verräter hingegen, Verräter wie Charles Maurras, wurden bestraft und teilweise hingerichtet. In Maurras‘ Fall wurde die Todesstrafe in eine Freiheitsstrafe umgewandelt. Ein pikantes Detail: Viele der französischen Intellektuellen, welche sich dem Faschismus anschlossen, waren Mitglieder der Kommunistischen Partei.

Um die intellektuelle Prägung Frankreichs nach dem Krieg zu verstehen, sollte man einen Namen kennen: Alexandre Kojève. Der eigentliche Name des russischen Philosophen lautete Alexander Koschewnikow; in seiner Wahlheimat Frankreich unterrichtete er den philosophischen Nachwuchs. Seine Vorlesungen wurden von namenhaften Köpfen besucht: Lacan, Sartre und de Beauvoir sind nur ein paar Namen davon. Kojèves Philosophie war an Hegel orientiert – und an Karl Marx. Der Stalinist Kojève machte in Frankreich Karriere als Beamter und war ein Wegbereiter der späteren Europäischen Union.

Bevor wir zu Foucault kommen, muss noch ein weiterer Name genannt werden: Jaques Derrida. Der Begründer der Dekonstruktion. Jener Theorie, die besagt, dass sämtliche bürgerliche Institutionen hinterfragt werden müssen. Der bedeutendste und radikalste Vertreter der Dekonstruktion war Michel Foucault. Unter «Befreiung» verstand er die Loslösung von Familie, Schule, Recht und Nationalstaat. Diese «Strukturen der Unterdrückung» wären der Kern unseres Problems. Foucault war – damals normal unter den französischen Geisteswissenschaftlern – Mitglied der Kommunistischen Partei. Allerdings nur von 1950 – 1953. Anders als Berufskollegen wie Jean-Paul Sartre kritisierte Foucault den Kommunismus – wenn auch nur sehr leise. Dazu muss man aber auch wissen, dass Foucault seine politischen Positionen ständig änderte. Auch Bezeichnungen wie «Theoretiker» oder «Wissenschaftler» lehnte er für seine Person ab. Selbst ein Philosoph sei er nicht, so Michel Foucault. Selbst bezeichnete er sich als «Sprengmeister» und «Experimentator». Die Thesen des Sprengmeisters verbreiteten sich nicht nur in Frankreich. Popularität genoss es insbesondere in den USA. In San Francisco beispielsweise, wo er sich in den Dark Rooms vergnügte und sadomasochistische Bordelle besuchte. Sexualität war für ihn nicht nur ein privates Thema. Besonders in seinem letzten Lebensabschnitt beschäftigte er sich auch philosophisch mit der Wollust. Der erste Band seines Spätwerks «Sexualität und Wahrheit», beginnt er mit einer Hasstirade gegen den Puritanismus des viktorianischen Zeitalters. «Lange Zeit hindurch, heisst es, haben wir ein viktorianisches Regime ertragen, und wir leiden immer noch darunter. Im Wappen unserer Sexualität steht zuchtvoll, stumm und scheinheilig die spröde Königin.» Mit diesem Satz beginnt er seinen Reigen. Dass der Sex von der «Kleinfamilie konfisziert» wird und nunmehr der Fortpflanzung und nicht mehr der Unzucht diene, empfindet Foucault als Repression. Während die Bände von «Sexualität und Wahrheit» erschienen, erkrankte er selber an Aids – welch‘ bittere Ironie. Sein Leiden machte er Zeit seines Lebens nie öffentlich. Wie vorhin erwähnt war Foucault zeitweise Mitglied der Kommunistischen Partei. Das Thema der Sexualität hatte für ihn auch eine politische Dimension. So setzte er sich gegen staatliche «Einschränkungen» diesbezüglich ein und war Teil einer nicht nur in Frankreich aktiven Bewegung, welche das Schutzalter für Minderjährige kritisierte. 2021 wurden Vorwürfe gegen ihn publik, wonach er selber mit Minderjährigen verkehrt haben solle. Im Jahr 1969 soll Michel Foucault, so die Vorwürfe, Jungen im Alter von acht und zehn Jahren Geld für Sex angeboten haben. Ausserdem soll er mehrere Knaben vergewaltigt haben. Ein anderer Zeuge berichtete von sexuellen Handlungen des Philosophen mit Jugendlichen im Alter von 17 und 18 Jahren. Zu den erhobenen Vorwürfen gegen Michel Foucault existieren allerdings nur mündliche Aussagen; Beweise sind keine bekannt.

Die Zerstörung der natürlichen Familie, der Kampf gegen alles Bürgerliche, alles Normale – das bleibt vom gefeierten Michel Foucault übrig, welcher an seiner Aids-Erkrankung schliesslich verstarb. Das Ergebnis sehen wir in einer orientierungslosen Jugend, einer alleingelassenen, vor sich hin alternden 68er Generation, enorm hohen Scheidungs- und Abtreibungszahlen sowie dem Geburtenrückgang, ein riesiges wirtschaftliches und gesellschaftliches Problem unserer Zeit. Für all das sind Leute wie Foucault mitverantwortlich. Ein denkwürdiger Jahrestag.

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