Liechtenstein und das Recht auf Leben

Liechtenstein ist eines der wenigen Länder Europas, in denen Abtreibungen bis heute verboten sind. Abtreibungsaktivisten starteten unlängst eine Volksinitiative, um eine Fristenlösung nach Schweizer Vorbild im Fürstentum einzuführen.

Nachdem die Initiative zustande kam, entschied der Liechtensteinische Landtag mit einer hauchdünnen Mehrheit für die Annahme der Initiative. Allerdings legte Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein, wie im Vorfeld angekündigt, ein Veto ein. Gestern versammelten sich Demonstranten vor dem Regierungsgebäude in Vaduz um für ein Recht auf Abtreibung einzustehen. Wie Juvenis Helvetica von einer zuverlässigen, internen Quelle erfahren hat, planten Pro Life-Aktivisten eine Gegendemo, welche von der liechtensteinischen Regierungskanzlei allerdings nicht zugelassen wurde. Als Begründung für diesen Entscheid nannte die Regierungskanzlei die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und ein erhöhtes Konfliktpotenzial. Dem in Liechtenstein wohnhaften Organisator der geplanten Pro Life-Kundgebung wurde seitens des Sekretariats des Erbprinzen mitgeteilt, dass der Erbprinz dankbar sei für das Engagement der Pro Life-Bewegung.

Yvonne Rhiner, welche seit mehr als dreissig Jahren in Liechtenstein lebt, setzte am Samstag ein Zeichen für die Beibehaltung der aktuellen Regelung. Juvenis Helvetica sprach mit ihr über die Lage im Land.

Juvenis: Wie steht es um das Lebensrecht in Liechtenstein?

Y. Rhiner: Abtreibungen sind in Liechtenstein grundsätzlich verboten. 2011 lacierten Pro-Choice-Aktivisten eine erste Volksinitiative, welche Abtreibungen legalisieren sollte. 53% der Liechtensteiner stimmten gegen die Initiative namens «Hilfe statt Strafe». Schon dort war ich bei einer Podiumsdiskussion dabei. Seit die Initiative abgelehnt wurde, hörte man nicht mehr viel von den Initianten. Im April machte das Initiativkomitee mit der Unterstützung der «Freien Liste» jedoch einen Info-Abend. Dann wurde eine zweite Initiative gegen das Abtreibungsverbot lanciert.

Juvenis: Seit wann engagierst du dich für das Lebensrecht?

Y. Rhiner: Als junge Frau sah ich das noch nicht so eng – ich stand eher auf der Seite der Demonstranten. Als ich zum christlichen Glauben fand, fragte ich mich, wann das Leben entsteht. In diesem Prozess änderte ich meine Meinung. Ich kam 1992 nach Liechtenstein, damals war Abtreibung noch kein Thema hier. Etwas Besonderes war für mich, als ich im Jahr 2023 als Vertreterin der Liechtensteiner Delegation an ein internationales Treffen der Pro-Life-Bewegung nach Malta durfte.

Juvenis: Was war heute los?

Y. Rhiner: Pro-Choice-Aktivisten trafen sich auf dem Peter-Kaiser-Platz vor dem Regierungsgebäude in Vaduz. Dort gab es eine Kundgebung. Etwa 250 Demonstranten zogen danach zum Schloss. Das war eigentlich nicht so viel. Die Demonstration blieb zum Glück friedlich. Einige Demonstranten kamen auch aus der Schweiz, wie ich vernommen habe. Ich weiss gar nicht wie viele Liechtensteiner da waren.  Ich selber stand an der Seite und hatte ein Plakat dabei. Meine Anteilnahme richtete sich nicht gegen die Teilnehmer der Demonstration – sondern bezog Stellung für das Fürstenhaus und das ungeborene Leben.

Juvenis: Was denkst du über den Fürsten?

Y. Rhiner: S.D. Erbprinz Alois führt die Regierungsgeschäfte. Er sagte bereits früher, dass er für das Leben ist und hat seine Meinung bis heute nicht geändert. Das beweist Rückgrat. Ich finde es falsch, dass man ihm jetzt von der Gegenseite vorwirft, er würde das Volk nicht ernst nehmen. All die vielen Jahre lang legte er nie ein Veto ein und winkte alle Gesetze durch soweit ich weiss.

Juvenis: Wie erlebst du die Stimmung im Land?

Y. Rhiner: Ich sprach heute mit einigen Passanten. Diese unterstützten den Erbprinzen und sagten, sie würden eine Kundgebung für das Lebensrecht begrüssen. Meine Nachbarn und mein Bekanntenkreis– sowohl Ältere als auch Junge – sind mehrheitlich für das Leben und für das Fürstenhaus.

Juvenis: Wie gross ist der Rückhalt für den Fürsten in der Bevölkerung?

Y. Rhiner: Es gab schon immer zwei Gruppen. 2003 gab es eine Verfassungsänderung, welche sowohl dem Fürsten als auch dem Volk mehr Einfluss ermöglichte. Die Mehrheit nahm die Änderung an. Etwa ein Drittel stellte sich gegen die Monarchie. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist zufrieden mit dem Fürstenhaus. Die Liechtensteiner sind stolz auf ihre Monarchie und ehren den Fürsten, soweit ich beobachten kann. Das Fürstenhaus gibt der Bevölkerung auch viel zurück und ist nah beim Volk. Die Kinder der Fürstenfamilie gehen auf die normale Schule und die Erwachsenen zeigen sich offen im Dorf. Mitglieder der Fürstenfamilie haben die Schirmherrschaft und die Präsidentschaft für viele soziale Organisationen inne.

Juvenis: Was macht dir Hoffnung in Bezug auf das Lebensrecht?

Y. Rhiner: Ich hoffe, dass die Diskussion sich jetzt mehr öffnet in punkto Adoption und Pflegefamilien statt Abtreibung. Auch wie Familien gefördert werden können. Ihre königliche Hoheit Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein engagiert sich vorbildlich in ihrem Verein «Schwanger.li».

Juvenis: Ihr baut die Lebensrechtsbewegung in Liechtenstein auf. Wie weit seid ihr in der Entwicklung?

Y. Rhiner: Letztens gab es einen Outreach von Pro Life Europe an der Universität Liechtenstein. In Gymnasien wird gut über Abtreibung aufgeklärt, jedenfalls war das bei meiner Tochter so im Fach katholische Religion. Ich denke, man sollte aber keine Aktionen planen, welche die Pro-Choice-Aktivisten provozieren. Ich würde eher auf Aufklärung über Abtreibung setzen statt auf militanten Aktivismus. In Liechtenstein gibt e Gebetsgruppen, welche unter Anderem für den Schutz des Lebens, von der Zeugung bis zum Tod, einstehen. Die Ungeborenen haben keine Stimme – deshalb sollten sowohl Männer als auch Frauen für das Leben einstehen. Nicht nur die Schwangeren sind von einer Abtreibung betroffen – sondern auch Geschwister, Grosseltern und weitere Angehörige. Darüber spricht man eher selten.

Das Gespräch führte Benjamin Zürcher.

Stimmen Sie dem Autor zu?

Schreiben Sie einen Kommentar

Artikel teilen:

Ähnliche Artikel
Steinernes Grabkreuz zwischen Grabstätten auf einem Friedhof
Zum Artikel
Porträt von Brigitte Stegemann
Zum Artikel
Plakate und bunte Luftballons beim «Marsch fürs Läbe» 2026 in Zürich-Oerlikon
Zum Artikel
Teilnehmer des «Marsch fürs Läbe» tragen ein Banner mit der Aufschrift «Stand up for life!»
Zum Artikel
Beleuchtete Fassade des Bundeshauses in Bern vor dunkelblauem Abendhimmel
Zum Artikel
Menschen und Informationsstände beim «Marsch fürs Läbe» 2025 in Zürich-Oerlikon
Zum Artikel
Landtagsgebäude_des_Fürstentums_Liechtenstein
Zum Artikel
Warenkorb
Nach oben scrollen
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner